Diese Briefe reden vom Tode, manche sind an Tote gerichtet. Als ich sie
schrieb, wußte ich nicht, daß ich sie einmal zu einem Buche vereinen
würde. Ist es das eigene Herz, das ich verwandelt sehe? _Berlin_, Januar 1919. A. T. W.
Der Weg ohne Heimkehr
An die Großmutter
Konstantinopel, den 24. Ich fand ihn, eine alternde Ruine, dem
Umfallen nahe. Aber dies war es nicht allein. Mutter und ich sahen ihn an. Man sagte mir, ich sollte reisen. Aber dies war kein
Bild, das ich in die Hand nehmen und forttragen konnte. Fühle die weiche Blüte Deines Mundes an meinem Kinn. Ach, der Krieg
hat alle Brücken zerbrochen. Ich fühle, wie sich die Wage mit Toten füllt. An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten
Pera, den 7. Mit dem Blick auf das Goldene Horn. An die Eltern
Konstantinopel, den 2. Ich reise nach Bagdad. Ich werde zwischen
türkischen Soldaten schlafen und mich von Abfällen nähren wie eine
Ratte. Ich werde Bagdad, werde den Tigris, Mossul und Babylon sehen. Ich bin mir wohl bewußt, welchen Schritt ich getan. Wie unsagbar traurig bin ich, daß ich es nicht um der
Menschheit willen tun kann. Wie glücklich ich
bin. Wie gut ihm die Uniform sitzt, ist es einer der
Offiziere? Nein, er trägt keine Abzeichen, geht nur wie ein Gemeiner. Noch eben in dieser
Stadt, nein, schon wieder fort, auf anderer Straße. Deutsche Militärmission, Sanitätssoldat. In einer Bretterkantine zu Ras-el-Ain,
den 26. Eben, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich von einem Gang durch das
Lager zurückgekehrt. Dies ist ein Weg, von dem es keine
Heimkehr gibt. Die schönen Weintrauben, die du verzehrst, lassen dich an
Cholera erkranken. Zu diesen gehöre ich. 8 Uhr morgens, drei Stunden vor Aufbruch. Traum auf dem Kelek
Auf dem Tigris,
den 10. Bald bin ich
in einer Stadt, die vom Feinde erobert wird. Ich werde gefangen
genommen, erschossen als Spion. Es ist die letzte Stunde meiner
Großmutter, schluchzend schreite ich hinter ihrem Sarge her. Nun ist es Morgen. Ich fühle, wie ich müde
geworden bin, so endlose Fernen liegen hinter mir. Es ist Tag. An Carl Hauptmann
Bagdad, den 25. Diesseits des Tigris. Jede Krankheit ist
eine Brücke, die am Tode vorübergeht. Ich habe einen ganzen Umkreis geschrieben, eine
vielstimmige Vision des Leidens, wie ich sie im Herbst des ersten
Winters in Polen erlebte. So
fand ich auch Sie, mein verehrter Freund, dessen Liebe und Zartheit mich
immer wieder beglückt. An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten
Bagdad, den 18. Diesseits des Flusses. Wie glücklich ich bin, geliebte Frau. Jetzt falte ich den Bogen
auseinander, ein weißes Gesicht. Du wirst
nicht klagen, Geliebte. Es ist so wunderbar, wie geduldig ich geworden bin; wo
ist mein heißes, unzufriedenes Herz geblieben? Es ist die Pflanze, die den
Menschen besiegt. Als ich aus dem Zuge stieg, fand ich mich unter
Palmen. War das nicht
genug, um allen Schmerz zu vergessen? Bis das Morphium kam und die Welt in Musik erlosch. Dann müßte ich es tun. Und doch, welches Wunder umrauschte mich. Sollte das alles
ungeboren vorübergehen? Ich zündete die Kerze an, ich stand auf, um mein Tagebuch zu holen, das
mir gegenüber auf dem Tische lag. Aber die Kräfte verließen mich, und
die Besinnung verlierend sank ich auf die Steine. Ich mußte den Wärter
rufen, der mich zurück in die Kissen trug. »Dies ist mein
Neujahrs-Punsch,« sagte ich zu meinem Wärter. Es war zwei Uhr morgens,
und ich wurde der Schmerzen müde. Nun ist es die Stunde der Auferstehung. Noch weiß ich nicht, wie die Tage sich gestalten werden. O meine Seele, dachte ich, wie sehr gleichst du diesem
Geschöpf. Aber
der Weg ist dunkel und niemand weiß, wohin die Straße sich öffnet. An die Großmutter
Bagdad, den 20. Nun will ich den Stuhl an Deine Seite rücken, Du liebes altes Gesicht. Du bist in mir. Ein Vermächtnis in der Wüste
An Hugo Marcus. Bagdad, den 1. Febr. Wie glücklich ich bin, nichts konnte mich freudiger
stimmen, als was Sie mir über meine Briefe sagen. Dieser Brief ist ein
Vermächtnis. Ihre Drohne, die Lieblingsdrohne der Königin. An eine Freundin
Bagdad, Abdul Achad,
den 25. ... Glitzernd hebt sich der Strom, eine
weiße Straße des Todes. Frühling, ach wie du mich rührst ....
Brief an die Mütter
Bagdad, am Nabel der Welt,
den 29. Am 10. Eine Katze trat lautlos in das Zimmer, erschrak, als sie mich erblickte,
ging wieder hinaus. So kam der Morgen, der das Abbild der Nächte war. Ich wußte nicht mehr, daß draußen ein Tag und die Geschäftigkeit fremden
Lebens war. Einmal bat mich der Stabsarzt, ihm etwas vorzulesen. Schmerz würgte mich an der Kehle. Ich drückte ihm die Augen zu, zog ihm das Laken über das Gesicht. --
Wieviel Tage seitdem verflossen sind, ich weiß es nicht mehr. Ich ging
in einem Traume dahin. Dann ist mir, als hörte ich das Rauschen der deutschen Wälder
wieder und sehe das Laub der Eichenbäume in der Sonne erzittern. Und ich fühlte es stündlich, daß auch über
meinem Wege eine gefällte Palme lag. Wer ihn erst geistig
überwand, den kann er nicht mehr erschrecken. Ihr kleinen Knaben,
mit denen ich in meiner Jugend befreundet war. Euch, die ich liebte, denen ich mit Zärtlichkeit weh tat. Und doch, wann war es, daß ich durch Eure Mitte ging? Auch ich litt für sie,
auch ich konnte sie nicht erlösen, so inbrünstig dieser Wille in mir
war. An eine Freundin
Bagdad, den 25. Wir haben eine Liebschaft mit ihnen, wie mit
einer zärtlichen Frau, als wollten wir ohne Ende sagen: »Küß mich noch
einmal! Ich rüste zur Heimkehr. Der Weg ist frei. Wenn aber der Mond scheint, füllt sich die Ebene mit einem zarten Licht. Dann ist mir, als wüchse mein
Leib unendlich in die nächtliche Landschaft hinaus. Mein Haupt ruht in
Mossul, meine Füße rühren an die Trümmer von Babylon. Meine rechte Hand
liegt auf den Dächern von Damaskus, und mit der linken greife ich in die
Schneeberge von Luristan. Durch mich rinnt eine unendliche Ader, der
Tigris. Ich habe kein Blut mehr in
mir. An die Mutter[2]
Bagdad, im Mai 16. Auch Du, meine Mutter, hast Deine Söhne der Vernichtung geboren. O die große Lüge, die wir niemals vergessen werden, die falsche Sonne,
die über der vorgeschichtlichen Zeit unserer Kindheit leuchtete. O die große Lüge, die große Lüge! O meine Mutter, wie arm und schwach sind wir geworden. Auch Du mußtest einem Gotte opfern, den Du nicht
verehrst. Auch Deine Söhne hängen in den Speichen eines Rades, das sie
zu zerreißen droht. An die Mutter
Babel, den 18. Als
könnte ich Dir heute nur all jene Worte wiederholen, die ich Dir damals
schrieb. ...« Da fühlte ich, von Krankheit und Hitze geschwächt, wie mir
die Tränen aufstiegen, und konnte nicht sprechen. Ruhelos liege ich, bis der Mond untergeht. So rasten wir, von Gendarmen begleitet, durch
die Wüste. »Libben, Libben,« sagte seine schläfrige Stimme. Um zwei Uhr weckte mich mein Diener. Wieder rasten wir im Galopp durch
die Wüste, und wie glücklich war ich, die Erde von neuem unter mir
gleiten zu fühlen. An einen Freund
Hans Feige, gestorben den 2. Babel, den 24. Nein, Du bist Dir treu
geblieben. Ach, daß wir nicht reif wurden, einen
andern Stern zu betreten, da die Erde nicht Raum hat, uns Erlösung zu
bringen. Ich fühle, wie es einsam um mich
wird. Bagdad, den 21. Ich würde mich schämen,
Euch die Worte zu wiederholen, die darauf folgten. Nur einem Wunder verdanke ich es, daß die Cholera in diesen Tagen
nachließ. Euer Sohn, der Freund der Toten. Der Triumph der Mutter
Bagdad, Mesnil Schah Bender,
den 30. Mein Geist ist dem Deinen nahe. Die Seele, des
schwebenden Schrittes entwöhnt, stürzte in sich zusammen. Ich bin die Mutter der schönen Liebe, der Furcht, der
Erkenntnis und heiliger Hoffnung. In mir ist Gnade jeglichen Weges,
jeglicher Wahrheit. Mein Geist ist süßer denn Honig,
meine Erbschaft köstlicher denn Honig und Honigseim. Sie achteten Deiner nicht,
gingen hin und verrieten das Wort Deiner Liebe. Qui
elucidant te, vitam aeternam habebunt. Zuweilen fahre ich mit ihm nach der Insel hinaus, um zu baden. »Ja, siehst du, Sahib,« sagt er zu mir, »das ist der
Unterschied. Ich habe eine Frau und kein Essen. Aber ich habe noch andere Brüder, die heimkehrend in den Stunden des
Abends auf mich warten. Ich sage
ihnen, wie ich heiße; seitdem rufen sie mich »Tarik«. Aber die Stunden sind selten, da ich
in ihrer Mitte bin. Sie verlöschen, und wieder wird
Nacht. Mitten in all das kommt Ihr Brief, und ich fahre empor wie ein
Schlafwandelnder. Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr
An Pater Joseph
Hadit, den 30. September. Daß die Erde
sich wieder rundet. Zwei
Tage sahen wir sie in der Sonne leuchten, dann löste sie sich in Rauch
auf. Ja, das Menschliche. Eier!« ertönt unsere Stimme vor den Türen, dann
kommen die Mädchen und Frauen aus den Höfen heraus. Ich sitze bei den Frauen auf ihren Matten, und sie
verschleiern sich nicht. Ist es Europa, dem ich mich nähere, das mich so
froh macht? Ich glaube, wenn es nach Indien oder Ägypten ginge, ich
könnte nicht glücklicher sein. Die vierzig Tage und Nächte der Heimkehr
Aus dem Tagebuche
Rahije, den 2. Oktober,
abends ½6. Eben im Euphrat gebadet, Grund sehr steinig. Ein langer, geschwänzter
Strich wie die helle Schnur einer Peitsche. »Das ist ein Zeichen des
Friedens,« sagte eine Stimme. Mir aber schien es eine feurige Geißel,
die über der Erde stand. El Gahsim, den 6. Oktober. Als
ich wieder aufwache, ist klare Nacht. Nun sehe ich es auch. Da beugt er den Kopf und
fällt in die Kniee. Salichie, den 7. Oktober. Einsame Herberge in der Wüste. Es ist so hell, daß ich ohne Mühe schreiben kann. Von Fußtritten verfolgt, schleppt er sich von einem Winkel in den
andern. Daneben: Ankunft dritter Zug von Ekbatana, den 2. Reg. Marga Imre, _5 Magyarka, honvéd 13. IV. Dann die Inschrift eines englischen Gefangenen: _Happy he, who
return. London, Holting-street._ Die Unterschrift ist nicht zu
entziffern. Namen, Namen. O Allah, gib uns Barmherzigkeit und Frieden. Salichie, den 4. Fühle in mir deine Sonne, deinen Wind, deine Sterne. Abu Herera, den 11. Oktober. Mit
strohblondem Haar, den Leib bis auf die Knochen abgemagert, Hände und
Füße wie Keulen. Die Ränder aller Wege sind mit ihren Knochen besät, die
grell in der Sonne bleichen. Wieder und wieder drückte ich ihre
Hände, ich sagte: ich werde in Deutschland an Euch denken. Mes kene, den 15. Oktober. Ihre Blicke schreien mich an. Was kann ich ihnen erwidern, um sie Lügen zu strafen? Der Hafir, den 16. Oktober. Eine grüne Oase, Weide mit Lämmerherden. Ein plätscherndes Wasser, eine Blume, einen
Regentropfen. Aleppo, den 19. Oktober. Wir haben die Bahnlinie erreicht, die uns
wieder mit Stambul verbindet. Konia, den 28. Oktober. Im Bade. In weiße Tücher gehüllt, liege ich auf der Ruhebank des Bades. Nur
gedämpft klingt der Lärm der Stadt herüber, ein blaues Licht fällt durch
die Decke herab. In allen
Gesichtern, die aus den Türen sahen, wohnte ein feiges Gewissen. Alle waren sehr höflich, und wie
immer bot man mir eine Schale Kaffee an. An die Großmutter
Kospoli, den 12. An Bord des Corcovado, Goldenes Horn. Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! Nun erst
erkenne ich, wie fern, wie fremd ich Euch war. O, ich begreife, daß
ich ein Recht habe, glücklich zu werden ... Freude! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! M. 3,--; geb. _Nord und Süd_: Ein ethischer Wanderer ist er, großen Stils.